
Nicht nur bei SeniorInnen stehen Fragen zur Kultur des Wohnens im Alter hoch im Kurs. Auch die Leistungsanbieter (Einrichtungen, Pflegende) und andere Interessengruppen (Investoren, Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner) befassen sich intensiv mit möglichen Wohnformen für diesen Lebensabschnitt.
Veröffentlichungen zum Wohnen im Alter beschränken sich häufig auf Einzelaspekte wie etwa räumliche oder organisatorische Strukturen. Demgegenüber stellt dieses Buch die Vielfalt des Wohnens im Alter in all ihren Facetten dar.
Zum Herausgeber
Harald Blonski, geb. 1949, ist Pädagoge und Dipl.-Psychogerontologe. Er arbeitet als Organisationsberater und veranstaltet Schulungen, Fort- und Weiterbildungen zu Qualitätsmanagement, gerontopsychiatrischen und
dienstleistungsspezifischen Themen.
Aus der Einleitung
(Harald Blonski)
Unter den Themen des Älterwerdens und des Lebens im Alter kommt dem Wohnen und möglichen Wohnformen eine besondere Bedeutung zu.
Der Raum, die Wohnung, das Haus: Sie sind, insbesondere für Seniorinnen und Senioren, mehr als bloße Mietobjekte oder Eigentum. Ihr Sinn und ihre Bedeutung liegen tiefer, weisen weit über ökonomische und Besitzaspekte hinaus, was durch einen kurzen Blick und wenige Verweise auf philosophische Quellen belegt werden soll:
Das Haus - und jeder wirklich bewohnte Raum trägt G. Bachelard zufolge "in sich schon das Wesen des Hausbegriffes" - kann phänomenologisch als "unser Winkel der Welt", "unser erstes All"1 und als "die erste Welt des menschlichen Seins"2 betrachtet werden - als ein "Kosmos in der vollen Bedeutung des Wortes"3. Anspielend auf die beherbergende , umhegende und schützende Funktion spricht der französische Philosoph auch von der "Mütterlichkeit des Hauses"4.
1 Gaston Bachelard: Poetik des Raumes. Fischer Wissenschaft:
Frankfurt a. M. 1992, S. 31
2 Ebd., S. 33
3 Ebd., S. 31
4 Ebd., S. 34
Leseprobe aus dem Kapitel "...und jetzt lebe ich in einer Seniorenresidenz"
von Annelene Schleberger
Beweggrund für den Einzug ist mein gelebtes Leben gewesen, das so, in gewohntem Stil, nicht weitergelebt werden konnte für mich.
Aufgewachsen in einer Großfamilie, Mutter von einer Tochter und drei Söhnen, mit meinem Mann und den Kindern berufsbedingt vom Rheinland nach Schleswig-Holstein gezogen. Bis zur Eheschließung Grundschullehrerin, später im Buchhandel tätig. Nach 30 Jahren Ehe verwitwet und noch im Beruf, Ehrenämter, Enkelkinder.
Ab 65 schlich sich leise Müdigkeit ein, die auch nicht zu überspielen war. Zu diesem Zeitpunkt fiel mir eine Anzeige des "Augustinum" in der "Zeit" in die Hände. Sollte das ein Fingerzeig sein? Natalität, die Gebürtlichkeit des Menschen, war ein Kernmotiv des Denkens von Hannah Arendt, die das Wesen allen Handelns darin sah, neue Anfänge zu machen. Was musste ich aufgeben, was wollte ich neu beginnen? Im Gegensatz zu der Philosophin bin ich ein Familientier mit philosophischem Anhauch. So schrieb ich also ans Augustinum in München und ließ mir Prospekte schicken. In meinem Umfeld landeten meine Überlegungen in dem Fach "Spinnerei". Mit 65 Jahren schloss ich dann ohne noch jemanden zu fragen meinen Vorvertrag ab. So wurde "das Wesen meines Handelns ein Neubeginn". Nach drei Jahren wurde mir mein jetziges Zimmer angeboten und ich habe zugesagt.
Das Augustinum Bonn zog ich in Betracht, weil ich ins Rheinland zurück wollte. Besichtigt habe ich das Haus im November, weil ich mir dachte, was dir im November gefällt, findest du im Mai erst recht schön. Die Lage des Hauses am Rhein, die verkehrstechnischen Anbindungen zur Stadt mit Umfeld sind Spitze. Auch nach neueren Standards ist das Haus großzügig gebaut. Bonn liegt so, dass ich meine Kinder und Enkel mühelos besuchen kann und sie mich besuchen (Gästezimmer!).
Mit 69 1/2 bin ich umgezogen von Kiel nach Bonn, im Januar, und für die zügige Planung könnte ich mich selbst ein wenig loben. In Kiel stand in einem Zimmer das, was nach Bonn ging. Alles andere hatten die Kinder oder die Pfarrgemeinde abgeholt. Hier angekommen, war ich erschöpft, aber durchaus zufrieden. Eine alte Bewohnerin meinte wohlwollend: "Sie gehören noch in den
Kindergarten."
Ich würde eher sagen, diesem Status nähere ich mich jetzt langsam an. Dieser zeitige Umzug hat mir so viel persönliche Freiheit mit ganz anderen Möglichkeiten in einem geschützten Umfeld gegeben, wie ich es mir vorher kaum vorstellen konnte. Man kann für sich leben, ohne aufzufallen. Man kann jede Art von Kontatken pflegen, auf Abstand oder vertraut. Wichtig ist mir auch, dass bestimmte Grenzen zu beachten sind, die der Allgemeinheit dienen und allen einen großen Schutz bieten, vor allem in dieser "offenen" Gesellschaft. Meine Eingewöhnungsphase war auch aufgrund netter Mitbewohner eine ganz kurze.
Gegenüber dem Wohnen zu Hause habe ich nie etwas vermisst. Vor dem Einzug habe ich überlegt, kaufst du neue Möbel oder suchst du dir ganz bestimmte Dinge aus? Das habe ich dann ganz bewusst und gezielt gemacht. Alles ist tief vertraut und mit Erinnerungen verbunden. Es ist ein Nest und ich habe das Bad für mich allein. In den 17 Jahren im Hause konnte ich zum ersten Male im Leben meine kleiner gewordene Welt öffnen oder auch abschließend schützen. Für mich ist das ein Vorteil und die Basis für Lebensmöglichkeiten, die so vorher nicht existierten. In diesem Sinne bekomme ich zu hören "So lange sind Sie schon hier." Noch öfter höre ich: "Ach hätte ich diesen Schritt doch auch eher unternommen." (...)
Harald Blonski (Hrsg.), Die Vielfalt des Wohnens im Alter /
Modelle, Erfahrungen, Entscheidungshilfen
2. Auflage 2011 • 222 Seiten • 22,90 Euro
Mabuse-Verlag
ISBN: 978-3-940529-05-3
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
verfasst von: Sandra Neumann, Netzwerk Deutsche Gesundheitsauskunft
Datum der letzten Aktualisierung: 05. Oktober 2011 (Sandra Neumann)
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