Der Weltschlaganfalltag – international "World Stroke Day" – wird seit 2000 durchgeführt und dient dazu, die Bevölkerung mithilfe zahlreicher Informationsveranstaltungen über das Thema Schlaganfall aufzuklären und vor allen Dingen zu vermitteln, wie richtiges Handeln im Fall der Fälle aussieht. "One in Six" oder "einer von sechs", so lautete das Motto des Weltschlaganfalltages 2010. Denn weltweit erleidet eine von sechs Personen in ihrem Leben einen Schlaganfall.
Aber auch – oder vielleicht erst recht – abseits solcher "Sondertermine" ist es wichtig, immer wieder über bestimmte Krankheiten und vor allen Dingen auch Präventionsmöglichkeiten aufzuklären. Das finden nicht nur wir von der Deutschen Gesundheitsauskunft.

Jutta Kühl: Herr Dr. Busch, könnten Sie sich bitte kurz vorstellen? Was verbindet Sie mit dem Thema Schlaganfall?
Dr. Elmar W. Busch: Ich leite seit 2008 eine große Klinik für Neurologie in Gelsenkirchen. Dort haben wir eine so genannte Stroke Unit, eine Schlaganfallspezialstation, eingerichtet. Diese Stroke Unit hat die Kapazität, ca. 700-800 Schlaganfallpatienten im Jahr zu versorgen. Somit ist der Schlaganfall ein großes Thema, dem wir uns mit Enthusiasmus widmen. Ich persönlich habe auch drei Jahre in der Grundlagenforschung zum Schlaganfall gearbeitet, im Max-Planck-Institut und für ein Jahr in den USA. Daher ist es mir auch ein besonderes Anliegen, Ergebnisse der Forschung möglichst schnell für die Patienten ganz konkret vor Ort umzusetzen.
Jutta Kühl: Sie erwähnen die so genannten Stroke Units. Was genau macht diese Schlaganfallspezialstationen aus?
Dr. Elmar W. Busch: Auf einer Stroke Unit arbeiten Schlaganfallexperten, das ist das wichtigste. Es gibt Überwachungsmonitore, durch die es uns gelingt, jederzeit auf Abweichungen zu reagieren, zum Beispiel auf Blutdruckkrisen. Pflegepersonal und Ärzte untersuchen die Patienten mehrfach täglich auf Funktionsstörungen. Dadurch bekommt der einzelne Patient sehr viel Aufmerksamkeit. Alle Untersuchungsgeräte stehen rund um die Uhr zur Verfügung, so dass jederzeit Bilder vom Gehirn durchgeführt und die Blutgefäße dargestellt werden können. Schließlich beginnt die Frührehabilitation bereits am ersten Tag. Durch die Arbeit der Therapeuten können viele Komplikationen vermieden werden, z. B. Lungenentzündungen.
Jutta Kühl: Lungenentzündungen? Ist das eine typische Komplikation?
Dr. Elmar W. Busch: Ja, das ist sehr typisch, weil durch den Schlaganfall auch Schluckstörungen entstehen. Dadurch kann Speise in die Luftröhre gelangen und es entsteht eine sogenannte Aspiration. Für geschwächte Patienten ist das gefährlich.
Jutta Kühl: "Schlaganfall" – eigentlich eine Vokabel, die immer wieder in aller Munde ist. Und jeder kann den Begriff "irgendwie" einordnen. Dennoch handelt es sich eben nur um ein "irgendwie", um eine sehr vage Einordnung. Was ganz genau kann sich ein Laie unter einem Schlaganfall vorstellen?
Dr. Elmar W. Busch: Es gibt den Schlaganfall, den jedes Kind erkennt und den Schlaganfall, der schwierig ist. Immer ist es ein Gefäßproblem, das zu einer Funktionsstörung im Gehirn führt, ob eine Durchblutungsstörung oder eine Einblutung. Die Schlaganfallmedizin befasst sich mit allen Gefäßprozessen des Gehirns, wie die Kardiologie mit den Gefäßen des Herzens. Dazu gehören plötzliche und schleichende Veränderungen, die Prozesse der Arteriosklerose in den Gefäßwänden und die vielen Gründe für Embolien (= plötzlicher Verschluss eines Blutweges durch einen "Pfropf") der Hirngefäße. Außerdem zählen dazu die verschiedenen Blutungen im Kopf. Wie am Herzen kann es schließlich zu Engstellen, so genannten Stenosen, kommen, die eine Bedrohung sein können. Wir haben immer den Anspruch, die Gefäßsituation eines Patienten vollständig zu verstehen. Nach der Akutbehandlung geht es dann vor allem darum, für jeden individuell den bestmöglichen Schutz für die Zukunft umzusetzen. Wir arbeiten dabei streng nach wissenschaftlichen Kriterien, beziehen aber die persönliche Lebenssituation jedes Patienten in die Entscheidungen mit ein.
Jutta Kühl: Was bedeutet das konkret?
Dr. Elmar W. Busch: Zum Beispiel sollten manche Patienten nach wissenschaftlichen Kriterien am besten mit Marcumar, einer starken Blutverdünnung, behandelt werden. Bei dieser Behandlung muss das Blut häufig untersucht werden. Wer schlecht zu Fuß ist, kann aber seinen Hausarzt nicht wöchentlich aufsuchen. Daher kann in diesem Fall evtl. ein Ersatzpräparat gegeben werden. Oder es steht eine Entscheidung zur Behandlung einer Engstelle der Halsschlagader an. Dann können offene OP oder die Stentversorgung per Katheter mit einem Metallgitterröhrchen erfolgen. Die Entscheidung für das beste Verfahren fällt dann meist aufgrund einer individuellen Beratung.
Jutta Kühl: Nochmal zur Akutbehandlung, die Sie eben schon angesprochen haben. Jemand hat einen Schlaganfall erlitten. Was passiert dann?
Dr. Elmar W. Busch: In den ersten Stunden nach einem Schlaganfall ist die Durchblutungsstörung teilweise reversibel (= umkehrbar, heilbar). Wenn das Gefäß durch eine Medikamentenbehandlung, die nennt man "Thrombolyse", oder einen Kathetereingriff wieder eröffnet werden kann, dann wird der Schaden minimiert. Aber auch später kann Gehirngewebe durch eine Behandlung auf der Stroke Unit noch erhalten werden. Es geht dann darum, dem Gehirn die optimalen Erholungsbedingungen zu bieten. Bei einer Blutung laufen die Dinge anders ab. Daher ist die frühe Kenntnis der Schlaganfallursachen durch eine Computertomographie sehr wichtig. Da die Vorgänge im Gehirn in den ersten Stunden rasch fortschreiten und der Schaden zunehmen kann, gilt das Motto: Zeit ist Gehirn, Time is brain.
Jutta Kühl: Was sind solche optimalen Erholungsbedingungen für das Gehirn? Was kann man sich darunter vorstellen?
Dr. Elmar W. Busch: Blutdruck im Normalbereich, gute Sauerstoffversorgung des Gewebes, kein Fieber, gute Herzleistung mit regelmäßigem Herzschlag, ausgeglichener Flüssigkeitshaushalt, Komplikationsvermeidung. Und Stimulation des Gehirns durch gezielte Frührehabilitation.
Jutta Kühl: Wie kann ich erkennen, dass oder ob jemand einen Schlaganfall erleidet und was kann ich in dieser Situation tun?
Dr. Elmar W. Busch: Es kommt zu einem Funktionsausfall, meistens ohne Schmerzen. Typisch sind die halbseitigen Lähmungserscheinungen und Störungen der Sprache. Aber auch Sehstörungen und Schwindel können auftreten. Es hängt immer von der Größe und dem genauen Ort im Gehirn ab. Entscheidend ist das plötzliche Auftreten neuer Symptome, von einer Minute auf die andere. Die Symptome können anhalten oder sich nach einigen Minuten schon wieder zurückbilden. Manchmal passiert ein Schlaganfall in der Nacht und wird dann erst beim Aufwachen bemerkt. Weil die Schmerzen fehlen, reagieren viele Menschen zu spät. Es ist aber wichtig, auch bei einem kleinen Schlaganfall sofort ins Krankenhaus zu kommen, weil oft ein großer Schlaganfall nachfolgt.
Jutta Kühl: Ein kleiner Schlaganfall wäre also einer, bei dem Symptome auftreten, die die Person für gewöhnlich nicht hat oder kennt, zum Beispiel Schwindel und Störungen der Sprache, und diese Symptome hören nach kurzer Zeit wieder auf?
Dr. Elmar W. Busch: Bei einem kleinen Schlaganfall kann man noch gut für sich selbst sorgen, alles selber machen. Etwas anderes sind die Schlaganfallvorbotensymptome, die nennen wir TIA. Das kann man mit der Angina pectoris beim Herzen vergleichen. Dabei kann es starke oder schwache Symptome geben, sie gehen jedoch innerhalb der ersten Stunden wieder zurück. Die TIA ist ein ernstzunehmendes Warnsymptom, denn kurz nach einer TIA ist das Risiko für einen Schlaganfall ziemlich hoch. Daher sollte man auch bei einer TIA sofort ins Krankenhaus zur Abklärung kommen.
Jutta Kühl: Sie sagen ja, dass viele Menschen zu spät reagieren, weil ein Schlaganfall nicht mit Schmerzen einhergeht. Wenn ich also unterwegs bin und ich merke, dass etwas nicht stimmt, mir wird schwindelig, es treten irgendwelche Sehstörungen auf, dann sofort den Krankenwagen rufen? Man neigt ja dazu, nicht "übertreiben" zu wollen …
Dr. Elmar W. Busch: Wenn neue, unklare Symptome von einer Minute auf die andere auftreten, dann ist es richtig, die 112 anzurufen. Lieber einmal mehr als weniger.
Jutta Kühl: Kann man einen Schlaganfall verhindern?
Dr. Elmar W. Busch: Es gibt natürlich keinen absoluten Schutz. In der Medizin geht es immer um die Verkleinerung des Risikos, das anlagebedingt für jeden Menschen unterschiedlich hoch ist. Wichtig ist ein gesunder, aktiver Lebensstil. Bewegung ist der Schüssel zur Gesundheit, dann macht auch eine Ernährung mit viel Salat, Gemüse und Olivenöl Spaß. Rauchen ist Gift für die Gefäße und führt unweigerlich zu Gefäßproblemen, außer man ist ehemaliger Bundeskanzler. Bei Bluthochdruck und Diabetes ist es sehr wichtig, eng mit dem Hausarzt zusammenzuarbeiten. Auch das Cholesterin muss beachtet werden. Wenn schon ein erster Schlaganfall oder Herzinfarkt eingetreten ist, muss die medikamentöse Behandlung an die individuelle Situation noch mehr angepasst und intensiviert werden. Wir alle nehmen nicht gerne Tabletten, aber sie können dann unser Leben verlängern, indem sie das Schlaganfallrisiko reduzieren.
Jutta Kühl: Ok, Bewegung, Ernährung, nicht rauchen. – Eigentlich wissen’s die Menschen ja, leben aber trotzdem, als würde es genau sie als Individuum schon nicht betreffen … Gibt es eigentlich irgendetwas wie eine Art "Schlaganfall-Risiko-Check"? Also einen Test oder so, den man vom Arzt durchführen lassen kann, um sein persönliches Risiko in Erfahrung zu bringen?
Dr. Elmar W. Busch: Einen solchen Risiko-Check gibt es beispielsweise auf der
Internetseite der Stiftung Dt. Schlaganfallhilfe. Auch viele Ärzte arbeiten mit Tests für das Gefäßrisiko. Nach meiner Erfahrung bringt ein solcher Test alleine jedoch wenig Gewinn. Besser ist es, wenn das Schlaganfallrisiko im Gespräch mit einem Arzt eingeschätzt wird. Dann sind die Menschen eher bereit, auch Konsequenzen zu ziehen und ihren Lebensstil zu verändern.
Jutta Kühl: Gibt es Internetseiten, Bücher, Filme oder sonstige Materialien und Veranstaltungen, die Sie persönlich als weiterführende Informationsquellen empfehlen möchten?
Dr. Elmar W. Busch: Neben der oben genannten Internetseite gibt es viele weitere Materialien der Stiftung Dt. Schlaganfallhilfe, die man dort auch telefonisch anfordern kann. Alles ist sehr patientengerecht geschrieben. Es gibt auch die
Internetseite des "Netzwerk Schlaganfall im Ruhrgebiet" mit vielen Informationen. Zuletzt hat auch ein eindrucksvoller Film Aufmerksamkeit erregt:
"Am seidenen Faden". Die Regisseurin ist die Ehefrau eines recht jungen Cellisten, der plötzlich einen Schlaganfall erlitt. Sie zeigt seinen Weg zurück ins Leben. Der Film ist wirklich sehr zu empfehlen.
Jutta Kühl: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben!
November 2010
Priv.-Doz. Dr. Elmar W. Busch, F.A.H.A. (Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie, Evangelische Kliniken Gelsenkirchen) und
Jutta Kühl (Deutsche Gesundheitsauskunft, Gelsenkirchen)
Datum der letzten Änderung: 11. April 2011 (Jutta Kühl)
Wie erkenne ich einen Schlaganfall? Kennen Sie schon den FAST-Test? weiterführende Information zum Thema Schlaganfall finden Sie auch bei der Deutschen Medizinerauskunft:
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