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Interview: "Schwerhörigkeit ist weder sichtbar noch irgendwie spektakulär."

"Schwerhörigkeit ist weder sichtbar noch irgendwie spektakulär."



Ende November 2010 lernte ich Frau Becker über das Netzwerk XING kennen und wurde auf ihre aktuelle Veröffentlichung "Der schwerhörige Patient. Ein Leitfaden für Arztpraxis, Klinik und Pflege." aufmerksam. Wir kamen ins Gespräch und ich entschloss mich, ihr Öffnet internen Link im aktuellen FensterBuch auf der Deutschen Gesundheitsauskunft vorzustellen.

Frau Beckers Buch, das Thema Schwerhörigkeit und einige weitere Aspekte fand ich so interessant, dass ich mir ein Interview mit der Autorin wünschte. Maryanne Becker kam meinem Wunsch gern nach:

Maryanne Becker(Foto © Peter Strobel Photodesign, Köln)
Maryanne Becker
(Foto © Peter Strobel Photodesign, Köln)

Jutta Kühl: Frau Becker, Sie leben in Berlin und sind Soziologin und Audiotherapeutin. Ich habe selbst eine Weile lang Soziologie studiert und mich sofort gefragt: Wie kamen Sie von der Soziologie zum Thema "Schwerhörigkeit" bzw. "Hörstörungen"?

Maryanne Becker: Als Soziologin war ich in der Forschung und später im sozialen Bereich tätig. Zum Thema "Hörstörungen" kam ich wie die Jungfrau zum Kinde - nur war bei mir dieser Vorgang weniger vergnüglich: nach einer plötzlichen Ertaubung wurde ich gezwungen, aus meiner damaligen Tätigkeit auszuscheiden. Also nahm ich mein Schicksal als Herausforderung an und absolvierte die Fortbildung zur Audiotherapeutin, berufsbegleitend, nachdem ich eine befristete Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Schwerhörigenverband aufgenommen hatte.

Jutta Kühl: Welcher Zeitraum verging zwischen Ihrer Ertaubung und der Aufnahme Ihrer Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Schwerhörigenverband?

Maryanne Becker: Knapp drei Jahre.

Jutta Kühl: Was genau ist die Aufgabe einer Audiotherapeutin? Welche Ausbildung liegt diesem Beruf zugrunde?

Maryanne Becker: Die - einjährige, berufsbegleitetende - Ausbildung zur Audiotherapeutin wird vom Öffnet externen Link in neuem FensterDeutschen Schwerhörigenbund angeboten, die Teilnehmer kommen aus unterschiedlichen Bereichen, die als Hörgeräte-Akustiker, Hörgeschädigten-Pädagogen oder Sozialarbeiter u.ä. meist auf einschlägige Erfahrungen zurückgreifen können. Das Aufgabenspektrum ist breit gefächert und umfasst die Bereiche Hör- und Absehtraining, Hilfsmittelberatung, Kommunikationstraining bis hin zur psycho-sozialen- und Krisenberatung. Darüber hinaus geben Audiotherapeuten Hilfestellung bei Fragen zur Kostenträgerschaft und zum Schwerbehindertenausweis. Die meisten Kollegen legen ihren Schwerpunkt entsprechend ihrer beruflichen Ausgangssituation.

Jutta Kühl: Liegt Ihr Schwerpunkt als Audiotherapeutin im Bereich Kommunikation bzw. Kommunikationstraining? Ich frage, weil sich Ihr Buch "Der schwerhörige Patient" diesem Thema ja ganz gezielt widmet?

Maryanne Becker: Kommunikation ist natürlich immer ein Thema für hörgeschädigte Menschen, allerdings liegt mein Schwerpunkt als klinische Audiotherapeutin in der psycho-sozialen Beratung, wozu hier konkret auch sozialrechtliche Aspekte zählen. Mein Buch ist vor dem Hintergrund der Tatsache entstanden, dass alle Bemühungen der Hörgeschädigten, auf ihre kommunikativen Bedürfnisse hinzuweisen, Rücksicht einzufordern leider nur allzu oft im medizinisch-pflegerischen Bereich an ihre Grenzen stoßen. Einfach deshalb, weil die meisten Menschen, darunter eben auch Ärzte und Pfleger, nicht ausreichend informiert sind über den Umgang mit Schwerhörigen. Dies wiederum wirkt sich bei den Betroffenen negativ auf ihre Befindlichkeit aus und verhindert oft eine angemessene medizinische Behandlung, vor allem dann, wenn sie weder Diagnose noch Therapievorschlag richtig verstanden haben.

Jutta Kühl: Sie haben mir erzählt, dass Sie inzwischen durch die Versorgung mit Cochlea-Implantaten wieder hören können. Wie lange hat es gedauert, bis Sie nach Ihrer Ertaubung die Cochlea-Implantate bekommen haben? Wie kann sich ein Laie das, was ein Cochlea-Implantat bewirkt oder ausmacht, vorstellen?

Maryanne Becker: Das erste Cochlea-Implantat erhielt ich etwa ein Jahr nach der Ertaubung; damals war die einseitige Versorgung noch üblich. Acht Jahre später wurde auch das zweite Ohr versorgt. Ein Cochlea-Implantat ist eine elektronische Innenohrprothese; das Mikrofon am hinter dem Ohr zu tragenden Sprachprozessor fängt die Schallwellen aus der Umgebung auf, der Prozessor wandelt diese in elektrische Signale um, die über ein Kabel zum Überträger gelangen. Über Funk werden diese Signale an das unter der Schädeldecke eingepflanzte Implantat gesendet, das sie entschlüsselt und an die Elektrodenbündel, die in der Gehörschnecke implantiert wurden, weiterleitet. Die Elektroden bewirken eine direkte Stimulierung der Hörnervenfasern in der Gehörschnecke, diese Stimulierung löst elektrische Impulse aus, die zum Gehirn geleitet und von diesem als akustische Informationen interpretiert werden.

Jutta Kühl: Kann man mit einem Cochlea-Implantat Musik hören? Wie unterscheidet sich das Hören mit dem Cochlea-Implantat zum vorherigen, natürlichen Hören?

Maryanne Becker: Die Hörerfolge mit dem Cochlea Implantat sind sehr unterschiedlich und von verschiedenen Faktoren abhängig. Allgemeingültige Aussagen kann man daher nicht treffen. Ich persönlich kann gut Musik hören – wobei der Begriff "gut" relativ ist: Mit Cochlea-Implantat kann man niemals so hören, wie mit natürlichem, gesunden Gehör. Es geht darum, ob man Musik wieder genießen kann, und diese Frage kann ich für mich bejahen. Es wäre jedoch fatal, ein genussvolles Musikhören für jeden zu prognostizieren. Nach einer gewissen Zeit der Eingewöhnung lernt das Gehirn, die Höreindrücke mit dem Cochlea-Implantat als natürlich wahrzunehmen; dies bedarf allerdings einer längeren Rehabilitationsphase mit Hörtraining und laufenden Prozessoreinstellungen.

Jutta Kühl: Sie sagten, dass Sie Ihr erstes Cochlea-Implantat ein Jahr nach Ihrer Ertaubung erhielten. Wie lange hat es letztendlich gedauert, bis Sie "gelernt" hatten, mit dem Implantat zu hören?

Maryanne Becker: Gehört habe ich sofort, allerdings hat es eine Weile gedauert, bis ich die Geräusche richtig einordnen und die Sprache relativ gut verstehen konnte. Das Ganze liegt ja nun schon 13 Jahre zurück, so dass ich heute keine genauen Angaben mehr machen kann. Das Implantat auf dem anderen Ohr habe ich vor 5 Jahren erhalten, und da war es so, dass ich unmittelbar nach der Erstanpassung des Sprachprozessors sehr gut verstehen und auch telefonieren konnte. Allerdings war da ja mein Gehirn schon auf das elektronische Hören konditioniert.

Jutta Kühl: Welche Erfahrungen haben Sie in dem Zeitraum zwischen Ertaubung und Wieder-Hören-Können gemacht? Gut, diese Frage ist sehr allgemein gefasst. Vielleicht so: Was schießt Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Sie an diese Zeitspanne denken?

Maryanne Becker: Zum einen war es natürlich der reinste Horror: nichts war mehr wie zuvor, die Kommunikation war extrem reduziert und lief nur noch schriftlich ab. Eine Ertaubung ist schon ein massiver Verlust, den ich zunächst einmal verarbeiten musste. Als plötzlich Ertaubter wird man schon für den einen oder anderen zur "Zumutung", so dass einige Freundschaften in die Brüche gingen. Sehr hilfreich war für mich die Zeit im Öffnet externen Link in neuem FensterRehabilitationszentrum für Hörgeschädigte in Rendsburg, wo ich nicht nur das Mundabsehen und Hörtaktik lernte, sondern auch erstmals Kontakt mit anderen Hörbehinderten aufnehmen konnte. Dank der Unterstützung durch meine Familie habe ich diese Zeit aller Widrigkeiten zum Trotz relativ gut überstanden. Von der leitenden Angestellten zum Kann-nit-Verstaan, das war schon ein heftiger Schlag.

Jutta Kühl: Kennen Sie die Fernsehserie "Lindenstraße"?

Maryanne Becker: Mir ist bekannt, dass in dieser Serie das Thema "Ertaubung und Cochlea Implantat" behandelt wurde, aber ich muss gestehen, dass ich mir die Serie nicht anschaue.

Jutta Kühl: Schade, Ihre Einschätzung zur Darstellung wäre interessant gewesen. Gibt es - im Zusammenhang mit der Thematik "Hörbehinderung" - einen Aspekt, ein Phänomen, … irgendetwas, das Ihnen ganz besonders unter den Nägeln brennt, von mir aber bis jetzt noch nicht angesprochen wurde?

Maryanne Becker: In erster Linie wünsche ich mir mehr Aufklärung über diese Behinderung und über den Umgang mit Schwerhörigen. Schwerhörigkeit ist weder sichtbar noch irgendwie spektakulär, sondern für viele Betroffene trotz ihrer vielfältigen persönlichen und beruflichen Kompetenzen ein "stilles Leiden", eine oftmals unbeabsichtigte Ausgrenzung auch dort, wo mit Hilfe von einfachen Hilfsmitteln und zwischenmenschlicher Rücksichtnahme die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft möglich wäre. Dazu gehören auch der offene Umgang mit der eigenen Behinderung und die Fähigkeit, in ebenso freundlicher wie bestimmter Art und Weise die kommunikativen Bedürfnisse zu artikulieren. Auf der anderen Seite müssen - jenseits der Rhetorik - auf politischer Ebene endlich die überfälligen Schritte zur Barrierefreiheit für Hörbehinderte vollzogen werden, damit meine ich konkret die Untertitelung aller TV-Sendungen, die Ausstattung öffentlicher Räume mit Induktionsschleifen und die Umsetzung des Zwei-Sinne-Prinzips, z. B. auf Bahnhöfen und in Zügen. Die aktuelle Verbalakrobatik um die Begriffe "schwerhörig - hörgeschädigt - hörbehindert" mag auf der Metaebene von Interesse sein, zielführend ist sie meines Erachtens nicht.

Jutta Kühl: Gibt es besondere, positive Entwicklungen, die Sie beobachten konnten?

Maryanne Becker: Man muss schon genau hinsehen. Zum Beispiel hat sich das Untertitelangebot im TV ein wenig verbessert, ist aber nach wie vor völlig unzureichend. Im ÖPNV werden die Haltestellen teilweise visualisiert, das ist auch ein Fortschritt, allerdings gilt dort ebenso wie bei der DB, dass wichtige Durchsagen leider immer nur akustisch erfolgen. Die positivste Entwicklung sehe ich bei den Betroffenen selbst, die nun doch vermehrt auf ihre Bedürfnisse hinweisen und ihre Hörbehinderung nicht mehr so sehr verstecken, wie noch vor einigen Jahren.

Dezember 2010
Maryanne Becker (www.maryanne-becker.de) und
Jutta Kühl (Deutsche Gesundheitsauskunft)

Autorin: Jutta Kühl, Netzwerk Deutsche Gesundheitsauskunft

Datum der letzten Aktualisierung: 16. August 2011 (Jutta Kühl)

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